Tief in den Problemen der Branche verstrickt, kann das Jahr 2026 als Wendepunkt für die Erholung des Fahrradsektors betrachtet werden?
Wie steht es aktuell um die Fahrradbranche? Was ist die größte Herausforderung? Welche Rolle spielt die Europäische Fahrradmesse für die Branche? Diese Branchenanalyse und Interviews mit Schlüsselfiguren bringen Ihnen die Wahrheit ans Licht.
1. Branchenstatus
Beeinflusst von Faktoren wie der Trägheit globaler Lieferketten, fehlenden Echtzeit-Verkaufsdaten und übertriebenen Erwartungen, erlebte die Fahrradbranche nach ihrem Höhepunkt Anfang 2022 einen raschen Abschwung. Im Frühjahr desselben Jahres brach die Nachfrage ein, doch die Branche passte ihre Produktion nicht rechtzeitig an, was zu einem Überangebot an Lagerbeständen, überfüllten Lagern und einem starken Rückgang der Umschlagshäufigkeit führte. Trotzdem erreichten die Verkaufszahlen von Fahrrädern und E-Bikes im Gesamtjahr 2022 mehrere Rekordwerte. Der andauernde Krieg zwischen Russland und der Ukraine sowie die Eskalation des Nahostkonflikts im Oktober 2023 verstärkten den Verbraucherpessimismus zusätzlich.
Anfang 2024 waren diese Probleme noch nicht vollständig gelöst. Zwar ist die Inflation gesunken und das Verbrauchervertrauen erholt sich allmählich, doch die Lagerbestände bleiben hoch. Um die Inflation einzudämmen, haben Zentralbanken in mehreren Ländern die Zinssätze angehoben, was den Liquiditätsdruck verschärft hat, der durch die Abhängigkeit einiger Unternehmen von zinslosen Krediten zur Expansion während der Pandemie entstanden war.

Angesichts sinkender Umsätze und Gewinnmargen kontrolliert die gesamte Branche die Kosten und strebt durch Umstrukturierungen, Entlassungen und andere Maßnahmen ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen und Ausgaben an. Gleichzeitig haben mehrere namhafte Marken ihre Absage für die diesjährige Eurobike bekannt gegeben, und der Rückzug zweier großer deutscher Branchenverbände bestätigt diesen Trend. Die Branche befindet sich im Wandel. Aufgrund des kontinuierlichen Wertverlusts ihrer Lagerbestände mussten Unternehmen wie Giant, Merida und Canyon zudem erhebliche Abschreibungen vornehmen.
Die Lage ist jedoch nicht düster. Die Performance einiger Marktsegmente bleibt stark, insbesondere bei Fahrzeugen für kurvenreiche Straßen. Auch der Absatz von Ersatzteilen entwickelt sich weiterhin positiv.
Andererseits sorgen die durch den Handelskrieg unter Trump ausgelösten Zölle weiterhin für Unsicherheit und Marktvolatilität. Obwohl der US-Markt nicht der wichtigste Markt für die globale Fahrradindustrie ist, werden die willkürlich erhobenen Zölle letztendlich von den amerikanischen Verbrauchern getragen. Preiserhöhungen werden unweigerlich den Absatz dämpfen, und da der US-Dollar die wichtigste Abrechnungswährung der Branche ist, verschärft die Wechselkursschwankung die Situation zusätzlich.
2. Brancheneinblicke von Schlüsselfiguren
Bernhard Lange, CEO von Paul Lange & Co., erklärte, die Lagersituation verbessere sich. Der Trend sinkender Lagerbestände werde sich voraussichtlich bis zur zweiten Jahreshälfte 2025 und dem ersten Quartal 2026 fortsetzen, sagte Burkhard Stork, CEO von ZIV, der eine ähnliche Einschätzung vertritt, fügte aber hinzu: „Es gibt erhebliche Unterschiede im Lagerbestand zwischen den verschiedenen Unternehmen und Fahrradkategorien.“
Bernhard Lange, Leiter des Shimano-Vertriebs in mehreren europäischen Ländern, erklärte weiter: „Wir beobachten eine Erholung im Einzelhandel, insbesondere bei Teilen, Zubehör und Verbrauchsmaterialien. Auch im Bereich der Erstausrüstung für Werkskunden gibt es positive Signale, dass sich dieser Bereich bis Ende 2025 bzw. 2026 erholen wird. Der Absatz von Rennrädern und Gravelbikes ist stark, und auch das Wachstum bei E-Bikes dürfte sich 2026 erholen.“ Lange ist sogar überzeugt, dass die Fahrradbranche von der aktuellen Krise profitieren und letztendlich als Gewinner hervorgehen kann.

Es gibt unterschiedliche Meinungen hinsichtlich der größten Herausforderungen, denen sich die Branche künftig stellen muss. Nico Simons, Vertriebsleiter von Schwalbe, plädiert für eine visionärere Strategie: „Die dringendste Herausforderung besteht darin, die Lieferkette an eine nachhaltige und angemessene Marktnachfrage anzupassen und durch branchenweite Zusammenarbeit einen erneuten Peitscheneffekt zu vermeiden. Derzeit stehen kurzfristige Marktschwankungen häufig im Konflikt mit begrenzten Lagerbeständen und der Erholung der Produktionskapazitäten.“ (Anmerkung: Der Peitscheneffekt beschreibt das Phänomen in der Lieferkette, bei dem sich Nachfrageinformationen schrittweise verstärken, je weiter sie von der nachgelagerten zur vorgelagerten Ebene gelangen, was zu Lagerschwankungen und Ungleichgewichten im Produktionsplan führt.)
Burkhard Stork hingegen ist mehr um den Verwaltungsaufwand und das Geschäftsumfeld besorgt: „Die größte Herausforderung für die deutsche Fahrradindustrie besteht darin, die Bürokratie abzubauen und dem Fachkräftemangel langfristig entgegenzuwirken. Wir sollten den Schengen-Raum und das Eurosystem erhalten und stärken.“
Angesichts der begrenzten Geschäftstätigkeit deutscher Fahrradhersteller und Komponentenlieferanten in den USA rechnet Stork nicht mit signifikanten Auswirkungen der Zölle: Die Abwertung des US-Dollars könnte sogar zu sinkenden Fahrradpreisen führen. Da chinesische Unternehmen jedoch verstärkt ihre europäischen Geschäfte ausbauen, spüren wir bereits einen gewissen Druck, insbesondere bei den Komponentenpreisen.
Zusammenfassung
Insgesamt steht die Fahrradbranche zwar weiterhin vor Herausforderungen, befindet sich aber in einer Übergangsphase von der Bestandsregulierung hin zum Wiederaufbau eines gesunden Ökosystems. Kurzfristige Einbußen sind unvermeidlich, doch der Weg zur langfristigen Erholung zeichnet sich allmählich ab.
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